Eine Legende ist gestern verstorben. Nämlich Alan Greenspan im Alter von 100 Jahren. Der legendäre US-Zentralbankchef hat 1996 den Begriff "Irrational Exuberance" geprägt, weil der S&P 500 zwei Jahre in Folge über 20% gestiegen war. Er hatte recht mit der Diagnose, aber nicht mit dem Timing: Bis zum Höhepunkt im März 2000 hat der S&P nochmal 90% zugelegt.
Nach fast 20 Jahren im Amt ist er 2006 zurückgetreten und wurde gefeiert. Im Nachhinein wird sein Erbe durch die Finanzkrise 2008 deutlich kritischer gesehen. Greenspan war immer ein Freund der freien Märkte, vielleicht ein zu großer.
Von Timon, Christoph & Noah
Was war los gestern?
(Stand 22.06.2026, 22:00 Uhr)
DAX
25.140
+0.62%
STOXX 50
6.311
+0.29%
S&P 500
7.473
-0.37%
NASDAQ
26.167
-1.32%
Bitcoin
64.356 $
+1.76%
SpaceX
155 $
-16.43%
Zahl des Tages: 200.000.000 €. Carl Zeiss will für diese Summe Aktien der eigenen Tochterfirma Zeiss Meditec kaufen. Die Medizintechnik-Sparte hat in den letzten Jahren eher geschwächelt, aber nach der News ist die Aktie gestern direkt 10% nach oben. Carl Zeiss selbst ist nicht börsennotiert, gehört aber als Zulieferer von Spiegeln und Linsen für ASML-Maschinen zu den größten KI-Profiteuren Deutschlands.
Thema des Tages:
Merger Monday
Gestern gab’s mal wieder einen Deal nach dem anderen.
Nr. 1: AbbVie kauft Apogee (+47%)
Der Pharma-Riese AbbVie hat zugeschlagen und das Biotech-Startup Apogee übernommen. Die Übernahme hatten wir letzte Ausgabe schon angeteasert.
Nr. 2: CRH kauft Arcosa (+7%)
Der irische Baustoffkonzern CRH hat den Konkurrenten Arcosa für fast 10 Mrd. $ geschluckt. Arcosa verkauft unter anderem Sand und Beton für Baustellen. Die Branche konsolidiert massiv und CRH ist dabei einer der aggressivsten Käufer.
Nr. 3: Danone auf Shopping-Tour
Danone hört nicht auf einzukaufen. Ende März erst den Yfood-Konkurrenten Huel, jetzt die australische Made Group (Kokosnusswasser, Rokeby Protein Smoothies, über 300 Mio. € Umsatz). Den Kaufpreis hat Danone nicht verraten, aber bei stark zweistelligem Wachstum könnte der Richtung 1 Mrd. € oder mehr gehen.
Nr. 4: Getty Images (+90%) verdoppelt sich
Getty Images galt eigentlich als eins der größten KI-Opfer. Gestern hat sich die Aktie dann mehr als verdoppelt, weil Getty einen Lizenz-Deal mit OpenAI geschlossen hat. Die Bilder von Getty werden demnächst direkt in ChatGPT nutzbar. Details zum Deal sind leider nicht bekannt.
Nr. 5: Deutschland kriegt Panzer
Die Bundesregierung hat beschlossen, 40% am Panzerhersteller KNDS zu kaufen. Frankreich reduziert seinen Anteil von 50% auf 40%, die restlichen 20% sollen an die Börse gehen. Die angestrebte Bewertung ist allerdings von 15-20 Mrd. € auf 12-15 Mrd. € geschrumpft. Vor ein paar Monaten, als Rüstungsaktien noch gehypt wurden, wäre das Timing besser gewesen.
Nr. 6: SpaceX (-16%) vermietet
SpaceX hat einen neuen Rechenzentrum-Deal mit dem KI-Startup Reflection über 150 Mio. $ im Monat abgeschlossen. Trotzdem ist die Aktie gestern 16% gefallen, weil SpaceX offenbar noch mehr Kapital will: Laut Bloomberg planen mehrere Investmentbanken Anleihen für mindestens 20 Mrd. $ mit Laufzeiten zwischen 5 und 30 Jahren. Die sollen allerdings einen bestehenden Kredit ablösen, also keine neue Verschuldung.
Was sonst noch los war:
Alphabet (-5%) hat deutlich verloren. Ein Grund: der Verlust von Nobelpreisträger und Top-KI-Forscher John Jumper an Anthropic. Fairerweise haben auch Microsoft, Amazon und Broadcom gestern schwach performt. Ansonsten hat Google 75 Mio. $ in das Indie-Filmstudio A24 investiert, um gemeinsam KI-Tools für Filmproduktion zu entwickeln. Spannend wird, wie die eher konzernkritische A24-Fangemeinde darauf reagiert.
Hochtief (+3%) hat gestern seinen ersten Tag im DAX gefeiert. Der Baukonzern hat es dank des KI-Booms in den Leitindex geschafft. Noch mehr KI-Power gibt's im NASDAQ 100: Astera Labs, CoreWeave, Nebius Group, Teradyne und Rocket Lab wurden gestern neu aufgenommen.
Bisschen Entspannung beim Ölpreis, weil der Iran und die USA offenbar deutliche Fortschritte bei ihren Gesprächen gemacht haben. Der Ölpreis ist danach leicht gesunken.
In der Kurz-Analyse:
Secunets Behörden-Burg
Secunet ist der IT-Sicherheitsdienstleister der Bundesrepublik. Wenn Ministerien, die Bundeswehr oder Behörden geheime Daten verschlüsseln müssen, läuft das oft über die Firma aus Essen. Kern ist die Produktfamilie SINA: hochsichere Laptops, Verschlüsselungs-Boxen und eine Cloud-Plattform. Über 250.000 Geräte sind im Einsatz.
Der Public Sector (inkl. Verteidigung und Grenzkontrollen) hat letztes Jahr über 400 Mio. € Umsatz gemacht, knapp 90% vom Gesamtkonzern. Im Q1 hat sich der Auftragseingang auf über 140 Mio. € fast verdoppelt. Trotzdem ist der operative Gewinn ins Minus gerutscht, weil Secunet Leute eingestellt hat, Bonus-Rückstellungen umgestellt wurden und viele Projekte mit margenschwacher Hardware abgewickelt wurden.
Die Wachstumstreiber:
Defence & Space: Wächst zweistellig, macht schon rund ein Drittel vom Umsatz. Das Bundeswehr-Sondervermögen spielt Secunet direkt in die Karten.
Homeland Security: Automatische eGates am Flughafen, die Nachfrage zieht europaweit an.
Quantensichere Verschlüsselung: Die Sorge ist, dass künftige Quantencomputer heutige Verschlüsselung knacken. Secunet baut die Umrüstung schon heute ein. Ab 2027 müssen Firmen nachweisen, dass sie eine EU-Richtlinie dazu umsetzen.
Auf Sicht von fünf Jahren hat sich die Aktie halbiert. Zu Corona war sie krass gestiegen (Beamte im Homeoffice brauchten sichere Laptops), hat die Gewinne aber fast komplett abgegeben. Mit 1,2 Mrd. € Börsenwert kommt Secunet auf ein KGV von 30, unter dem Dreijahresschnitt von 33. Analysten erwarten rund 10% Wachstum p.a. Wichtig wird, dass Secunet aus den vielen Aufträgen auch eine bessere Marge einfährt.
Steph Curry ist bei Li Ning. Einer der größten Basketballer der USA ist vor paar Wochen zur chinesischen Sportmarke gewechselt. Der Deal läuft über 10 Jahre und soll mehr als 400 Mio. $ kosten. Andere Marken haben laut ESPN ähnlich viel geboten, mindestens eine sogar noch mehr.
Warum trotzdem Li Ning? Curry will seine eigene Marke aufbauen, genau wie Michael Jordan bei Nike. Bei Nike wäre er ein zu kleiner Fisch. Bei Li Ning kann er mit seiner Marke eigene Sportler unter Vertrag nehmen, eine Golf-Linie verkaufen und eigene Curry-Geschäfte sollen in den USA und China eröffnet werden.
Für Li Ning könnte das ein Katalysator sein, den die Firma dringend braucht:
Schwaches Wachstum: Letztes Jahr nur 3% gewachsen bei 4,2 Mrd. $ Umsatz. Der operative Gewinn ist von 700 Mio. $ (2022) auf rund 600 Mio. $ geschrumpft.
Kursverfall: Die Aktie ist seit 2022 von 25 Mrd. $ auf nur noch 5 Mrd. $ abgeschmiert. Dazu liegen 2 Mrd. $ Cash in der Bilanz. Das Verhältnis zwischen Gewinn und wirklichem Firmenwert liegt damit deutlich unter 10, dazu gibt's 4% Dividendenrendite.
Kaum international: Li Ning macht 99% vom Umsatz in China. Konkurrent Anta Sports wächst mit über 10% deutlich schneller und hat über Amer Sports eine Beteiligung an Marken wie Arc'teryx und Salomon.
ABER: Günstig heißt nicht automatisch gut. Das Risiko einer Value-Trap ist da. Schwaches Wachstum, politische Risiken und manchmal fragwürdige Kapitalallokation (2023 hat Li Ning für fast 300 Mio. $ eine Immobilie gekauft) machen die Aktie nicht einfach. Und Curry hat auch Under Armour nicht vor der Krise gerettet.
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